⚖️ Verantwortlichkeiten im Selmo-Prozess
1. Grundsatz
Selmo ist eine formale Methode zur Definition und Umsetzung von Maschinenverhalten – vergleichbar mit der technischen Zeichnung im Maschinenbau und dem Schaltplan in der Elektrotechnik.
Selmo beschreibt, wie ein Prozess technisch und logisch korrekt ablaufen soll, nicht, welcher Prozess inhaltlich sinnvoll ist oder welche Hardware physikalisch funktioniert.
Selmo ist eine Sprache, kein Ingenieur.
Die Verantwortung für Inhalt, Ausführung und Ergebnis bleibt bei den Fachdisziplinen und dem Inverkehrbringer.
2. Rollen und Verantwortlichkeiten im Projekt
Anforderungsgeber / Kunde
Definition des gewünschten Prozesses, der Funktion und des Ziels
Liefert vollständige und prüfbare Anforderungen (PTF-REQ). Muss Änderungen am Prozess oder der Funktion autorisieren.
Prozessverantwortlicher (Industrial Engineering)
Prozessbeschreibung, Takt, Parameter, Zustände, Funktionsanforderung
Verfügt über das Prozesswissen. Muss sicherstellen, dass der beschriebene Prozess real ausführbar ist.
Mechanik / Maschinenbau
Mechanische Ausführung, Baugruppen, Kinematik, Endlagen
Verantwortlich für Funktionsfähigkeit und Sicherheit der physischen Komponenten.
Elektro / Steuerung (E-Plan)
Elektrische Planung, I/O-Struktur, Schutzkreise, Sicherheitstechnik
Verantwortlich für Energieversorgung, Signalverfügbarkeit und normgerechte Verdrahtung.
Automation / Software (Selmo-Modellierer)
Umsetzung der PTF-Anforderungen in das Selmo-Prozessmodell
Verantwortlich für formale Korrektheit, Vollständigkeit und Determinismus der Steuerungslogik.
PTF-Lead / Projektleitung
Gesamtkoordination, Dokumentation, Qualität, Schnittstellen
Verantwortlich für Vollständigkeit, Freigaben und Projektkonformität (PTF ↔ Modell).
Qualität / Sicherheit / CE
Prüfung der Normenkonformität, Risikobewertung, Freigabe
Verantwortlich für CE-Konformität, Sicherheitsnachweise und Risikodokumentation.
Inverkehrbringer (Maschinen-/Anlagenbauer)
Zusammenführung aller Disziplinen zur funktionsfähigen Maschine
Trägt die Gesamtverantwortung für die Erfüllung der Kundenanforderungen, die Sicherheit und den bestimmungsgemäßen Betrieb.
3. Verantwortungsprinzip nach Selmo
Selmo bringt Verantwortung und Nachvollziehbarkeit in eine klare Reihenfolge:
PTF beschreibt die Verantwortung der Definition → Der Prozess ist beschrieben, geprüft und freigegeben. → Jede Unklarheit ist hier zu klären, nicht später im Code.
Prozessmodell beschreibt die Verantwortung der Umsetzung → Die Logik wird so modelliert, dass sie deterministisch und formal korrekt ist. → Fehler in der Logik oder Abweichungen zur Spezifikation sind sofort sichtbar.
Code und Steuerung beschreiben die Verantwortung der Ausführung → Wenn der Code vom Modell abweicht, liegt ein Verstoß gegen die Freigabe vor. → Änderungen müssen im Modell und im PTF nachvollziehbar eingetragen werden.
Betrieb und Service beschreiben die Verantwortung der Nutzung → Der Betreiber nutzt ein formal dokumentiertes, geprüftes System. → Jede Änderung am Verhalten muss über Änderungsmanagement dokumentiert werden.
4. Beispielhafte Analogie
Formale Basis
Technische Zeichnung
Schaltplan
Prozessmodell
Werkzeug
CAD-System
EPLAN
Selmo Studio
Beschreibung
Geometrie, Toleranzen, Bewegung
Schaltung, Stromlauf, I/O
Zustände, Logik, Signale, Sicherheit
Prüfmittel
Maßprüfung, CAD-Validierung
Durchgangsprüfung
Logik-Validator, Simulation
Abweichung
Bauteil passt nicht → Zeichnung prüfen
Signal fehlt → Schaltplan prüfen
Verhalten falsch → Prozessmodell prüfen
Reaktion
Anpassung der Zeichnung oder Nacharbeit
Anpassung des Schaltplans oder Verkabelung
Anpassung des Prozessmodells oder PTF
Selmo folgt demselben Prinzip wie die Konstruktion: Eine Abweichung in der Realität führt nicht zu einem „Workaround im Feld“, sondern zu einer Anpassung der formalen Beschreibung.
5. Umgang mit Abweichungen
Fall A – Abweichung im Code
Wird während Inbetriebnahme oder Test festgestellt, dass der Code nicht dem Prozessmodell entspricht, → muss der Code nicht manuell korrigiert werden, → sondern das Prozessmodell angepasst und neu generiert werden.
Jede Änderung wird dokumentiert und versioniert (Audit-Trail).
Fall B – Abweichung der Hardware zur Spezifikation
Wenn Sensoren, Aktoren oder Schnittstellen nicht der PTF-Definition entsprechen, → wird die Technologiebeschreibung (PTF-TECH) angepasst. → Erst nach dieser Anpassung darf das Modell aktualisiert werden.
Fall C – Nicht-Selmo-konforme Ausführung
Wenn der Maschinenbauer Teile der Anlage nicht Selmo-konform ausführt, z. B. unvollständige Logik, fehlende CMZ oder manuelle „Sonderfunktionen“, → wird dies im PTF als „Nicht-Selmo-konform“ markiert. → Diese Funktionen sind nicht formell prüfbar, → sie gelten als dokumentiertes Risiko, → und die Verantwortung liegt beim Inverkehrbringer bzw. beim Kunden.
6. Verantwortung für den Prozess
Der Prozessverantwortliche definiert, was erreicht werden soll. Selmo stellt sicher, wie es deterministisch, sicher und dokumentiert umgesetzt wird. Der Inverkehrbringer trägt die Verantwortung, dass die Maschine als Gesamtsystem – Mechanik, Elektrik, Steuerung und Prozess – das definierte Verhalten sicher und normgerecht ausführt.
Selmo kann kein fehlerhaftes Engineering kompensieren.
Es kann es aber sichtbar machen – und damit aus Unsicherheit eine dokumentierte Verantwortung machen.
7. Grenzen der Methode
Selmo garantiert:
formale Korrektheit des Prozessmodells,
deterministische Ausführung,
automatische Nachvollziehbarkeit,
Sicherheit durch CMZ / MXIC / Interlock-Logik,
vollständige Dokumentation.
Selmo garantiert nicht:
die technische Funktionsfähigkeit der Hardware,
die physikalische Durchführbarkeit eines Prozesses,
die Vollständigkeit oder Logik der kundenseitigen Anforderungen,
die Qualität der Installation oder Inbetriebnahme,
die Verantwortung des Inverkehrbringers für Sicherheit und Haftung.
8. Verantwortung im Fehlerfall
Logikfehler im Modell
formaler Fehler, sichtbar im Validator
Selmo-Modellierer / Automation
Funktion weicht vom PTF ab
Abweichung zur Spezifikation, zu dokumentieren
Prozessverantwortlicher / PTF-Lead
Hardware funktioniert nicht wie spezifiziert
Fehler in Ausführung / Integration
Mechanik / Elektro / Inverkehrbringer
Nicht-Selmo-konforme Logik oder Bypass
dokumentiertes Risiko, nicht prüfbar
Inverkehrbringer / Kunde
Abweichung erst in IBN entdeckt
Versäumnis im PTF- oder Modell-Review
Projektleitung / PTF-Lead
9. Fazit
Selmo ersetzt nicht die Verantwortung der Ingenieure, sondern gibt ihnen ein Werkzeug, sie nachweisbar wahrzunehmen.
Selmo macht sichtbar,
wo ein Prozess richtig beschrieben wurde,
wo eine Umsetzung korrekt erfolgt ist,
und wo Abweichungen oder Risiken bestehen.
Damit entsteht ein Engineering-System, das Verantwortlichkeit strukturiert – vom Kunden bis zum Inverkehrbringer.
Selmo steht für:
formale Sprache, nicht Interpretation,
Nachvollziehbarkeit statt Vermutung,
Korrektur im Modell statt Improvisation im Code,
und dokumentierte Verantwortung statt Schuldverlagerung.
Kurz gesagt:
Selmo ist das CAD-System für Logik.
Es zeichnet, prüft, dokumentiert und beweist das Verhalten – aber es ersetzt nicht den Konstrukteur.
Verantwortung bleibt menschlich – Selmo macht sie nur endlich sichtbar und nachvollziehbar.
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